MAXIMALISMUS

Neun Ereignisse wird es im Leben des MAXIMALISMUS geben. Da er uns entgegenlebt, haben die fünf letzten schon stattgefunden, vier weitere stehen noch bevor. Das nächste wird im Frühjahr 2012 den POSITIONEN ZUM MAXIMALISMUS gewidmet sein, an der Donau zwischen Novi Sad und Belgrad, wenn alles gutgeht, aber das bleibt abzuwarten.
G. H. H.
Berlin, 7. Oktober 2011


IX



Am 9. Juli 2010 hat im Adlerhof zu WIEN das neunte und letzte Ereignis im Leben des Maximalismus stattgefunden, dessen erstes seine Geburt in Paris im Juni 2012 sein wird. Selbstverständlich hat es sich um die Eröffnung seines Testaments, den Leichenschmaus mit seinen Ansprachen und Beiträgen gehandelt, gefolgt von der Totenrede, die mit der Lesung eines Gedichts des großen rumänischen Dichters Ilarie Voronca ganz von allein zur symbolischen Enterdigung geführt hat. Zu Beginn, das heißt am Ende des Ereignisses hat G. H. H. die SPIELREGEL des Abends erläutert:

Stellen Sie sich vor, in einer nahen, uns nahenden Zukunft werde es eine künstlerische Bewegung geben, von deren Existenz jeder von uns ahnungsweise wusste: den Maximalismus. Stellen Sie sich vor, er werde in der kommenden Nacht verstorben sein, sei also jetzt begraben oder wenigstens aufgebahrt, so dass er nun seine Testamentseröffnung, seinen Leichenschmaus und seine Totenrede erleben kann. Stellen Sie sich das vor, ganz fröhlich, denn - noch ehe die Nacht zu Ende ist, fängt er ja an, rückwärts zu leben, in zwei Jahren erst soll er geboren werden, lebt also aus der Zukunft auf uns zu und widerlegt so das berühmte Wort Karl Valentins, auch die Zukunft sei nicht mehr das, was sie einmal war.

Da er ja rückwärts lebt, muss hier am Anfang stehen, was sonst, vor dem Streit, zuletzt kommt - die Testamentseröffnung, hier die Verlesung des MAXIMALISTISCHEN MANIFESTS, in drei Sprachen: auf Ungarisch; aufFranzösisch, für die, die kein Ungarisch verstehen; auf Deutsch, für alle, denen auch das Französische ungarisch oder wenigstens spanisch vorkommt. Zunächst aber Musik ...

... nämlich der Anfang des Festin d'Ésope von Charles-Valentin Alkan und dann, mit den Stimmen des Malers Adam Fitz, des Photographen Jean-Bernard Soudères und des Maler Alex Kießling, auf Ungarisch, Französisch und Deutsch die neun Thesen des Testaments oder vielmehr das MAXIMALISTISCHE MANIFEST, das als wahrhaftes Gründungsdokument für das Nachleben des Verstorbenen über Jahrhunderte zurückreicht, uns aber für die Zeit seines Vorlebens, die Zukunft also, nicht bindet. Hier die ungarische Fassung:

MAXIMALISTA KIÁLTVÁNY


9  Az elmélet a múlté és abban virágzik, köze nincsen a jövőhöz.

8  A következő két kérdés a többi kérdés előtt következik:
   a., mit teszünk itt, és megéri -e ez vajon mások idejét?
   b., itt müvészetről beszélünk?

7  A harmadik tétel Schubert befejezetlen szimfóniájából lesz a jövő zenéje.

6  Az érzelgősség egy gettó, de mi ezt a gettót elutasítjuk.

5  A barátság a másik elárulását követeli. Mint barátok, a leggonoszabb árulók vagyunkörömmel.

4  Miénk a társadalom, mert legyőzzük.

3  A sivatagból jövünk, de semmi közünk a sivataghoz.

2  A sivatag a művészetben mindíg az elmélet lesz.

1  A jövőböl jöttünk és a múltba megyünk.

Ezen kiáltvány felolvasása a távozó maximalizmus utolsó kívánsága. Ám öröksége az elmúltért kötelez minket.

A víg élet, amely megszületéséig a miénk lesz, minden tettünkben felfedezi majd ezen alapelvek nyomait, és velük meglep minket.

Unmittelbar im Anschluss an die feierliche Testamentseröffnung las G.H.H. im Einverständnis mit dem Autor eine der jüngst auf Deutsch veröffentlichten Erzählungen des Buches SEIOBO JÁRT ODALENT (SEBOJO AUF ERDEN) von László Krasnznahorkai, da dieser herausragende ungarische Schriftsteller zur Beerdigung nicht hat kommen können. Aber die künstlerische Unbedingtheit, von der er spricht, ist die unsere, wenigstens hoffen wir das, und es ist ihm daher mit der Erzählung ETWAS BRENNT auf ganz natürliche Weise der Ehrenplatz beim Leichenschmaus zugefallen, nämlich das letzte Wort, natürlich vom Maximalismus her gesehen. Sodann lieh Stefan Hameseder seine Stimme dem Dichter Ivo Sachs, der leider nicht anwesend sein konnte, las zunächst eine ungarische Übersetzung des Gedichts AMEISEN und dann das Original, wieder eine kleine Verbeugung vor dem Geist des Ortes - der Adlerhof nämlich ist ein kleines Stück Ungarn mitten in Wien, mit seinem Inhaber Stefan Giszi, der uns vorzüglich bewirtete. Anschließend wurde des Bildhauers Körösényi Tamás gedacht, um seinen Namen auf ungarische Art zu nennen, dessen wenige Tage zuvor in Budapest gestorben war. Mit einem weiteren Gedicht von Ivo Sachs, VERSENGT VON DER WAHRHEIT, schloss der Nachruf.

Vom Schriftsteller Heinrich Steinfest, der aus gesundheitlichen Gründen in Stuttgart bleiben musste, wurde sodann die Lobrede auf das Biedermeier gelesen, ernst und ironisch, sehr österreichisch, im Widerspruch zu gängigen Ideen, was uns die Aufmerksamkeit gezeigt hat, mit der Heinrich die Malerei betrachtet, die er zu Beginn seiner Karriere selbst praktiziert hat. Anschließend wurde ein bitterer Satz unseres Freundes Jean Marois verlesen, der weit weg im Quebec lebt:

Das Lumpenproletariat hat die Macht ergriffen. Die Grobschlächtigen und Geschmacklosen sind die Regel. Es ist notwendig, das Volk zu töten ... den letzten grossen Mythos der Moderne.

Er hat alle Gründe, sich so auszusprechen. Von Clarice Lispector, einer der Stimmen, die der Maximalismus wieder erklingen lassen wird, folgte sodann das Gedicht Da gehe ich hin, als Erinnerung daran, dass der Maximalismus sich nicht auf die Lebenden beschränkt, sondern sich auch an die Toten richtet, deren Werk er vorwegnimmt, indem er rückwärts lebt.

Nach einer Pause, trotz des Lärms der Konversation musikalisch beleuchtet durch die Thälmann Variations von Cornelius Cardew, dem widersetzlichen Alter ego Alkans im XX. Jahrhundert, als Schluss und zum Anfang wurde die Totenrede vorgetragen:

Liebe Freunde,

Der Maximalismus blickt von seinem Totenbett, also von hier aus, heute, auf eine wachsende Zahl von Nachfolgern zurück, auf eine immer zahlreichere, sich von selbst vermehrende Reihe illustrer Ahnen und noch lebender Nachfolger. In dieser TOTENREDE wird daher die Trauer keinen Platz haben, allenfalls ein Kopfschütteln über die Missverständnisse, die mit der Zeit die Nachfolge des Maximalismus geprägt haben werden, die Vermehrung der Maximalismen über das zwanzigste, das neunzehnte und das achtzehnte Jahrhundert bis ins siebzehnte, in dem es bereits zum sogenannten Ahnenschwund kommt, ehe wir im sechzehnten Jahrhundert jenem Akt der schöpferischen Retrospektion begegnen, der als Erfindung der Kunstgeschichte ins kollektive Gedächtnis einging. So ist es denn auch kein Zufall, dass sich Geburt und Tod des Maximalismus um den 500. Jahrestag der Geburt des Giorgio Vasari ereignen, jenes Genies der Fälschung, das mit der Kunstgeschichte zugleich auch die Zukunft der Kunst erfunden hat, also ihre ewige Gegenwärtigkeit - mit anderen Worten, das Prinzip der Avantgarden, deren jede sich stets für den Anfang vom glücklichen Ende der Kunst halten muss - ein Irrtum, dem wir mit dem MAXIMALISMUS radikal begegnen, denn - was rückwärts lebt, nimmt der Zukunft nichts, gibt aber der Vergangenheit, was ihr noch gar nicht gehörte: gibt ihren sich selbst überlebenden Avantgarden einen Sinn, ihren Gründern zum Trotz - denn es muss besonders betont werden, dass bereits jetzt die Rotationsenergie des Leichnams von André Breton, um nur den doktrinärsten aller Avantgarde-Begründer zu nennen, allein mit dieser Ankündigung ans vergangene Jahrhundert schon beträchtlich zugenommen hat, eine Rotationsenergie, die nun für den Maximalismus nutzbar gemacht werden kann.


SURREALISMUS und DADA, aber auch der NOUVEAU RÉALISME sind von den Avantgarden des 20. Jahrhunderts als unsere Nachfolger besonders zu nennen, auch der lächelnde SUPREMATISMUS Malewitschs - als Nachfolger allerdings nur in dem Sinne, dass aus diesen Bewegungen und gegen diese Bewegungen Künstler hervortraten, die sich in der Lösung von ihren Schlagworten immer wieder selbst fanden und einen Namen machten - sie sind unsere eigentlichen Nachfolger, nicht diese Bewegungen selbst, also: MAX ERNST oder KURT SCHWITTERS oder eben MALEWITSCH, um nur die Älteren zun nennen; die heute Mitlebenden müssen sich schon selber melden ...

Stets, im Fall jeder ernstzunehmenden Avantgarde des großen zwanzigsten und immer noch fortlebenden Jahrhunderts, handelt es sich um Maximalismen, auch wenn dies von den theoretischen Begründern dieser Bewegungen ängstlich verhehlt wurde, ja verhehlt werden musste, da sie ja alle keine Wiederholung des Früheren und schon gar nicht des Späteren zu sein behaupteten.

Was aber unterscheidet den jetzigen, rasch vom Tod auf seine Geburt hinlebenden Maximalismus von allen früheren Maximalismen?

Zunächst dies, dass er das Lachen begünstigt, die Freiheit des Lachens unter Freunden - ja, EINEN JUX WILL ER SICH MACHEN, aber in Wien weiß jeder, mit Nestroy ist nicht zu spaßen, also - der Ernst derFreundschaft unterscheidet und verbindet zugleich den Maximalismus zu seinen nachfolgenden Vorgängern, jener Ernst, den im hohen Fenster über jener Madonna von Max Ernst die drei Zeugen zeigten, die damals noch Freunde waren und zuschauten, wie jene unsterbliche und das Madonnenbild rettende Maria das Jesuskind verhaut.

Diesen Ernst hat auch Daniel Spörri verewigt, wenn er Festtafeln buchstäblich aufhob, lobenswert in seiner raschen Entscheidung, nun sei es Zeit, nun sei Kunst, was vor allem Freundschaft war.
Aber keine Sorge.

FREUNDSCHAFT bleibt heute ungeglaubt, bleibt vom Unglauben der Anderen umhüllt und verborgen, so laut das Wort auch ausgesprochen werden mag. Was also, wenn nicht Freundschaft, unterscheidet den Maximalismus wirklich von seinen Nachfolgern im zwanzigsten Jahrhundert, von den späteren, vielmehr früheren ganz zu schweigen? Das ist einfach und vertrackt zugleich, denn was heißt es denn, dass er ganz RETROSPEKTION ist, ganz rückwärts lebt? Aber das ist es ja, was ihn unterscheidet und zugleich überlegen macht, dieses Rückwärtsleben, das die Zukunft so vielversprechend erscheinen lässt, wie dies keinem seiner Vorgänger gelang - sie mussten einen Tod ersehnen, wir freuen uns auf eine Geburt, in hundert Wochen, mit der alles zu Ende sein wird. Dann wird es keinen Maximalismus mehr geben, nur eine Erinnerung an das, was er gewesen sein wird - eine Erinnerung, für die hier ein Gedicht von 1926 stehen soll, ein ganz junges, ODYSSEUS IN DER STADT von Ilarie Voronca, dem großen rumänischen Dichter, das in seinem XIX. und letzten Teil die folgenden drei Zeilen enthält - PARIS ich habe deine museen angezündet wie ich das fleisch deiner
standbilder zerrissen habe ...
auf der sonnenuntergangskarte wiegst du dich wie ein ozeandampfer
du verlöschst auf den lippen des herbstes wie seide


VIII




Am 6. Oktober 2010 hat im Atelier des Malers Jens Lorenzen zu Berlin das achte und vorletzte Ereignis im Leben des Maximalismus stattgefunden, sein Erntedank, den er nach einem langen und komplizierten Leben ganz schlicht verrichtet hat, unter Freunden. Ein Gedicht, in dem der Maximalismus sich seiner Zukunft erinnert, gelesen auf französisch und deutsch von Jean-Bernard Soudères und Jens Lorenzen, schloss zu Beginn den Abend ab:

ELEGIE

Das Ende naht
seine Hand ist fad
die Tränen fließen
verfrüht (verfrüht)!

Denn rückwärts gelingt
dein Lauf unbedingt,
ins Vergangene
lebst du (lebst du)!

Gelassen posthum
exhumiert dich der Ruhm,
von der Zukunft her
ganz fröhlich (ganz fröhlich)!

Mit Erinnerung fängt's an
das Ende, das dann
seiner Verwandlung zuneigt,
ins deine (ins deine)!


Anschließend wurde aus dem Roman IM NORDEN EIN BERG, IM SÜDEN EIN SEE, IM WESTEN WEGE, IM OSTEN EIN FLUSS von László Krasznahorkai das XL. Kapitel gelesen und sodann von Ivo Sachs und Jens Lorenzen eigene Gedichte. Zwei Geschichten aus IBIDEM SERPICON ODER DER VOGEL MIT DEM ARSCHGESICHT von René Haddad schlossen sich an, die wie die Gedichte von Ivo Sachs in HOCHROTH NR. 1 erschienen sind.


Nach einer Pause und einem kurzen Gitarrenspiel von Jens Lorenzen trat mit Boris Pasternak ein toter Dichter sehr lebendig an den Tisch, mit DEFINITIONEN DER POESIE, VIELLEICHT SIND WIR NUR DREI. BEWUSSTE ... und dem Anfang von KINDHEIT, in deutsche Übersetzung, denn die russischen Originale müssen noch warten; keiner der Anwesenden hätte sie vorzutragen gewusst. Anschließend las Elisabetta Abbondanza ihr Gedicht L'OSCURO in italienischer Sprache, worauf die deutsche Übersetzung unter dem Titel DAS DUNKEL folgte und zum Schluss Konstantin Hanack mit einer Handvoll von Gedichten, die er ganz nebenhin und beiläufig vortrug, sehr gut. Damit gelangte der Abend zu seinem Anfang, der Rede zum ERNTEDANK, die ihn abschloss:

Liebe Freunde, es handelt sich um ein merkwürdiges Wort, denn der Dank setzt eine Ernte voraus - aber woraus besteht er? Denn der Maximalismus ist das, was Robert Musil - im MANN OHNE EIGENSCHAFTEN - als eine Parallelaktion bezeichnet hat, und zwar eine, die auf paralleler Bahn rückwärts läuft. Was schreibt Musil?

Da war der großen Parallelaktion eine Idee geboren, die ihr bis dahin gefehlt hatte.


27


Wesen und Inhalt einer großen Idee


Es wäre leicht zu sagen, worin diese Idee bestand, aber in seiner Bedeutung könnte es kein Mensch beschreiben! Denn das ist es, was eine ergreifende große Idee von einer gewöhnlichen, vielleicht sogar unbegreiflich gewöhnlichen und verkehrten unterscheidet, daß sie sich in einer Art Schmelzzustand befindet, durch den das Ich in unendliche Weiten gerät und umgekehrt die Weiten der Welten in das Ich eintreten, wobei man nicht mehr erkennen kann, was zum eigenen und was zum Unendlichen gehört. Deshalb bestehen ergreifende große Ideen auseinem Leib, welcher wie der des Menschen kompakt, aber hinfällig ist, und aus einer ewigen Seele, die ihre Bedeutung ausmacht, aber nicht kompakt ist, sondern bei jedem Versuch, sie mit kalten Worten anzufassen, sich in nichts auflöst.

Damit ist alles gesagt. Es braucht auch gar nicht mehr hinzugefügt werden, worin hier, im 27. Kapitel des Manns ohne Eigenschaften, die Idee eigentlich bestand, denn - was trüge dies zur Frage bei, worin der Erntedank des Maximalismus bestehen mag?

Zum Glück verfügen die Zuhörer bereits über eine gewisse Idee in dieser Hinsicht, denn wenn der Maximalismus auch aus der Zukunft in die Vergangenheit lebt und daher über das Vergangene nur Ahnungen mit sich führt, so sind sie, die Zuhörer, doch in der Lage, sich an seine Zukunft, also ihre Vergangenheit, zu erinnern, was die Aufgabe, den Erntedank zu beschreiben, zugleich vereinfacht und kompliziert. Aus diesem Sachverhalt nämlich folgt zwar, dass der Maximalismus sich der Zukunft so erinnert wie die Zuhörer der eben vergangenen Zeit des Zuhörens, in der sie das eine oder andere Gedicht, die eine oder andere Erzählung vermutlich genossen und nicht widerwillig überstanden haben - aber was bedeutet Erinnerung? Heißt es nicht immer, sie sei trügerisch? Bedeutet es nicht immer eine Selbsttäuschung, wenn einer sagt, seine Erinnerung trüge ihn nicht? Die Erinnerung an die Zukunft kann hier keine Ausnahme machen.

Aber Erinnerung, anders als das Gedächtnis, hat auch eine unbedingt verlässliche, nämlich eine unangenehme Seite. Unangenehm insofern, als es um unangenehme Dinge geht, die aus dem Gedächtnis gestrichen, aber aus der Erinnerung nicht verbannt werden können. Insofern, als er sich erinnert, ist daher auch dem Maximalismus bis zu einem gewissen Grad zu trauen.

Zum Beispiel erinnert er sich an seine glückliche Scheidung - von der Theorie, mit der er lange verheiratet war. Auch wenn es leicht wäre, sie zu vergessen, erinnert er sich auch, allerdings dunkler, an eine glückliche Hochzeit, bei der nur ein paar - später sowieso weggedriftete - Freunde ein komisches Gesicht machten. Übrigens wird er diese Freunde nicht wiedergewonnen haben und auch nicht versuchen, dies zu tun, auch wenn sie rechthatten. Überhaupt hat ihm die Verbindung zur Theorie auch Behagen bereitet, schon vor der Hochzeit, bei einem Kolloquium zum Beispiel, dessen Teilnehmer ihm zwar die zukünftige Zerrüttung seines Verhältnisses zwar rückwärtsgewandt prophezeiten, ihn aber nicht überzeugen konnten. Allerdings interessierten ihre Schlussfolgerungen aus seiner Zukunft, also ihrer Vergangenheit, ihn eigentlich sehr. Er wird diesen Prophezeiungen angesichts seines jugendlichen Alters keinen Glauben geschenkt haben, aber geschmeichelt haben sie ihn doch.

Solche Erinnerungen aber verblassen gegenüber der Tatsache, dass ein Erntedank aus der Hoffnung lebt, es möge noch einmal eine Ernte geben ... aber das ist hier nun nicht mehr zu erwarten, er ahnt es und sagt, auf ein letztes Mal, auf dieses Mal kommt es an, auf das Zusammensein unter Freunden, nicht auf die schon verblassende Zukunft oder jene Vergangenheit, in der bald schon der Leichenschmaus gefeiert wurde, damals und bald in Wien, was vom Maximalismus aus gesehen in der Zukunft liegt, für die Zuhörer aber schon hinter ihnen - um noch einmal Musil zu zitieren: Es wäre leicht zu sagen, worin diese Idee bestand, aber in seiner Bedeutung könnte es kein Mensch beschreiben! Denn das ist es, was eine ergreifende große Idee von einer gewöhnlichen, vielleicht sogar unbegreiflich gewöhnlichen und verkehrten unterscheidet ...



VII




Am 30. Dezember 2010 hat das siebte Ereignis im Leben des Maximalismus stattgefunden, seine Scheidung von der Theorie, mit der er seit Ende 2011 zunehmend unglücklich vereint gewesen sein wird, in La belle vie Saint Martin, gegenüber der früheren Rekollektenkirche im zehnten Arrondissement von Paris. Zu Beginn wurden noch einmal die Spielregeln erläutert: der Maximalismus lebt rückwärts, sechs Ereignisse seines Lebens haben wir noch vor uns ... Dann trug der Dichter Benoît Gréan die folgenden Zeilen vor, deren Verfasser er ganz bestimmt nicht ist:


ERINNERUNGEN DES MAXIMALISMUS
(TRAUM BONAVENTURAS)

Im vollen Licht des Tages fallen
wir als Schatten des Mondes auf das
Ufer dieses Meeres, das wir als

Leser schon kennen, als Erfindung.
Die Hitze des Sommers durchdringt mich
wartet auf einen fernen Winter

dessen Stimmung noch zu erfinden ist
trocken oder kalt oder neblig
wie das Lückengebirge das

slowenische, slovenetische, über das ich kam
um es zu umarmen, dieses unvergessliche Meer
liebevoll und mit schwarzer Behaarung

ein Meer, das kalte Winde peitschen
von der Wüste her, einsam und gewaltig
unter dem Schatten des Mondes, der sich bildet

in den Wellen, die noch warm sind,
der Schatten brauner Haut mit
schmalen Hüften, einem großzügigen

Busen, das Gesicht verstört von einem
Zweifel, der mich nichts angeht. Sie steigt
aus dem Salz, das kristallen ihre Haut

beglänzt, das Mondlicht zurückwirft. Dunkel
umhüllt sie der Mittagshimmel mit
undurchsichtigem, schwärzlichen Licht, macht

unsichtbar die Figur, die langsam sich nähert.
Langsam entschleiert die untergehende Sonne dich
meinen Augen, erlaubt, das wir uns umarmen,

lädt uns ein spazierenzugehen
im Blau, dem tiefen, unwahrscheinlichen
von gewaltiger, opalisierender Süße.

Wir folgen nicht dem Strand, überschwemmt
von einer agonisierenden Horde, wandern
ins Innere, hügelauf, zum weiten Platz

vor der Kirche, dem großen Platz wo
sie eine Heilige gesteinigt haben, schnell,
die Stadt ankert am Landstrich, der sie umgibt

noch verdächtigt sie uns nicht, das Land
macht sie verschwommen und fließend,
nie wird es uns verschlingen, dieses

Land flüssiger Lektüren, aus Worten,
Sprachen, unbekannten, die du eben noch
siehst, wenn der Abend hereinbricht

in den Cafés am Platz, sich in seine dunklen
Arkaden, auf den Glockenturm und das Denkmal
der Heiligen legt, ihren Brunnen in der Ecke des Platzes

wo du Lust hättest deine Füße zu baden
auf den Stufen zu sitzen, die tief in den Boden
gegraben, Jahrhunderten entgegen gleiten.

Deine Füße, aufgetaucht aus dem Salz, dem Meer,
baden im geweihten Wasser der Quelle.
Aber ungeduldig ziehe ich dich mit

unter das Gewölbe eines Durchgangs und plötzlich
da unten, siehst du Gärten. Eine Brücke
schlägt hinüber und ja, wir sind da

in einem Haus einem Turm umgeben von
Mauern bewohnt von Eidechsen und Schmetterlingen
aus fallenden Gärten, zum Himmel hoch

aufs ferne Meer. Wir unterscheiden nicht mehr
zwischen den Sphären von Bläue, die uns umgeben.
Der Abendwind trägt Bewegung in

Land und Meer und Nacht mit tausend
Lichtern ohne Sehnsucht. Unsere Blicke fliegen
hoch mit den Wellen. Dort oben hängt eine

reglose Montgolfiere überrascht
die Vögel in ihrer Vorsicht. Da dröhnt
ihre sich entflammende Krone

in der erhitzten, nächtlichen Luft.
Der Ballon verdunkelt die untergehende Sonne
wird Schatten über unseren Schatten.

Du umfasst mich fester mit deinen Armen
wie beängstigt aber ich spüre du
zitterst vor Freude vor Genuss.

Der Ballon wird zur ungeheuren Kugel
die uns zudeckt uns hineinstürzt in unsere
verschlungenen Arme. Einen langen Augenblick

schwebt der Erdball über uns und fängt Licht ein
während er sich entfernt. Niemand sieht uns.
Dein Schrei ähnelt dem Schrei eines Meeresvogels

fremder Schrei, der deine Geburt erinnert.
Dunkel schwer warm fällt Regen auf
verlassene Bäume und Bänke und Tische.

Das Morgenlicht ohne Sonne zeigt mir deine Großzügigkeit dein Zögern dein Schweigen
die uns einen und mit einem Mal trennen.



In Abwesenheit des Autors wurde das Kapitel XL des Romans AU NORD PAR UNE MONTAGNE, AU SUD PAR UN LAC, À L'OUEST PAR LES CHEMINS, À L'EST PAR UN COURS D'EAU verlesen, das beim Erntedank des Maximalismus in Berlin am 6. Oktober 2010 auf Deutsch vorgetragen worden sein wird. Leider erinnern wir uns nicht, ob der Autor unter den Teilnehmern eines der zukünftig stattfindenden Ereignisse sein wird oder nicht: dieses Geheimnis bleibt von die Schatten einer vergangenen Zukunft verhüllt.


Während in der Pause alle lebendig zu diskutieren begannen, hörten wir die Tonaufzeichnung der Botschaft, die Serge Ouaknine uns hatte zukommen lassen, in der es darum ging, welche Möglichkeiten eines Dialogs über die Scheidung unter dem Vorzeichen des Verrats und der Vermählung es geben könnte.

Der Maler Jens Lorenzen, der Gastgeber des Erntedanks in Berlin gewesen sein wird, trug uns anschließend auf Deutsch mit Fetzen auf Französisch ein Gedicht vor, das er für das Ereignis geschrieben und aus Werbeslogans zusammengesetzt hatte. Dann hatten wir Gelegenheit, die rumänische Fassung des Gedichts XIX aus dem ULISE von Ilarie Voronca zu hören, dessen deutsche Übersetzung den Leichenschmaus des Maximalismus in Wien am 9. Juli 2010 abgeschlossen oder vielmehr eingeleitet haben wird. Durch diese fremden Stimmen waren wir gut darauf vorbereitet, mit ihrem Schöpfer René Haddad der seltsamen Persönlichkeit jenes Reisenden im Alltag zu begegnen, der sich IBIDEM SERPICON nennt und von dem uns René eine der unglaublichen Geschichten mehr Fleisch werden ließ als vortrug, aus denen der gleichnamige Roman besteht, der auf Französisch leider unveröffentlicht ist. Ein dramatisches Ereignis, auf das hin Jean-Bernard Soudères aus der PSB 24 (PETITE SUITE BLIEUXOISE EN VINGT-QUATRE HEURES) von Benoît Gréan las, die kürzlich erschienen sind. Schließlich wurde ein skandalöses Gedicht von Carlos Drummond de Andrade mehr vorgestellt als ins französische und deutsche übersetzt, ehe die folgende SCHLUSS- UND EINLEITUNGSREDE gehalten wurde:

Liebe Freunde,

es nützt nichts sich an dem aufzuhalten, was geschehen ist, in Zukunft für euch, in der Vergangenheit für uns, im Wechselspiel von Praxis und Theorie der Kunst und des Lebens.

Was die Kunst angeht, so seid ihr alle darüber auf dem Laufenden, wie der Blick des Publikums durch die rhetorischen Schönheiten der Theorie bedrängt wurde, seine Freiheit gegenüber den Bildern aufzugeben. Das gilt für die Malerei wie für die Dichtung, und man kann schlecht sagen, welche von beiden mehr unter den Zwängen gelitten hat, die ihr von der Theorie auferlegt wurden.

Was andererseits das Leben angeht, können wir nicht schweigen, denn da gibt es einen Anteil von Verantwortung, ja von Schuld, die auf uns zurückfällt und die dafür sorgt, dass wir trotz allem, was uns in der Vergangenheit geärgert oder geradezu wütend gemacht hat, doch noch immer viel Zärtlichkeit für jene Theorie empfinden, die in ihrer Jugend so verführerisch und schön war, so anziehend ...

Die Theorie, unsere Vielgeliebte, hat nur einen Fehler gemacht, der sich verschlimmert hat, je älter sie wurde.

Dieser Fehler lag in ihrem unbedingten Willen uns einer Umerziehung nach vorgegebenen Prinzipien zu unterwerfen, die weder auf unsere Gefühle noch auf unsere Kreativität Rücksicht nahmen, Prinzipien, die auf Begriffe und nicht auf Bilder ausgerichtet waren, auf die Rezeption des Werks und nicht auf seine Produktion.

Wenn man so will, kann man hier den zutiefst weiblichen Charakter der Theorie wiedererkennen, denn sind es nicht die Frauen, die bewusst oder unbewusst die Männer immer dann versuchen umzuerziehen, wenn die Flamme ihrer Liebe in die Breite wächst und den Höhentrieb des Anfangs verliert, das Aufflackern einer Hingabe, die uns verführt und unfähig gemacht hat, ihnen zu widerstehen?

Aber man sollte sich vor dieser allzu selbstgefälligen Sicht der Dinge hüten, denn ist die Praxis nicht genauso weiblich wie die Theorie? Und haben nicht Männer ihre eigenen Gesetze gemacht, indem sie die Theorie erzeugten, die uns damals so verführt hat?

Hat der Maximalismus, den die Grammatik dazu verurteilt, männlich zu erscheinen, nichtselbst etwas weibliches, in seiner Großzügigkeit und seinem Verzicht wenn nicht auf Berechnung, so doch auf Vorsicht, in der Unschuld, mit der er die Freundschaft beansprucht und ihr sich mit Leib und Seele hingibt?

Je mehr man sich mit Kunst beschäftigt oder Kunst herstellt, desto mehr wird einem klar, wie die Identität der Geschlechter durch eine Praxis in Verwirrung gerät, die über sie hinausgeht und zu ihrer Vertauschung anregt.

Den Posen der großen Maler, ihrer offen zur Schau getragenen Misogynie und ihrer Parteinahme für Positionen männlicher und autoritärer Macht zum Trotz, jedesmal dann, wenn sie sich hätten daran erinnern können, dass ihre Kunst in sich selbst einen weiblichen Teil am Erbe der Menschheit freilegt ... trotz des Interesses, das der Kunst von den Frauen entgegengebracht wird, die in ihr eine Möglichkeit gesehen haben, sich selbst zu enträtseln, bleibt die Kunst von einer Mauer umgeben und den Männern vorbehalten, die, indem sie sie praktizieren, weibliche Rollen spielen, vielleicht ohne dies zu wissen. Alle Ehre den Frauen, denen es gelingt, diese Mauer zu durchbrechen, sich um das männliche Vorurteil nicht zu kümmern ... Sie werden immer eine Minderheit sein.

Aber wo war ich? Denn ich spreche von mir selbst, ich verberge es nicht mehr.

Mir fällt ein Teil der Schuld an dieser Scheidung zu, die dennoch notwendig und unvermeidlich war, davon bin ich ausgegangen. Die Scheidung gibt mir die Gelassenheit gegenüber Begriffen und Denken zurück, die ich brauche, um die Wurzeln meines Könnens, meiner Hoffnung in der Schöpfung wiederzufinden.

Meine Schuld liegt in der Tatsache, dass ich damals, im Augenblick, als ich hätte sprechen sollen, geschwiegen habe. Ich hätte in rohen und platten Worten sagen sollen, dass eine Umerziehung welcher Art auch immer bei mir unmöglich, dass ich meiner Haltung so grundsätzlich festgelegt war, dass sie genauso hingenommen werden musste, als Punkt, von dem aus sie ihren eigenen Gesichtspunkt hätte finden können, ihre eigenen Gründe, so zu sein, wie sie war, ohne von mir zu verlangen, genau das an ihrer Stelle zu tun. Einen Gesichtspunkt und eine Begründung ihres Handelns, die ich je nach Lage der Dinge hätte freudig unterstützen oder bekämpfen können.

Aber sie war zu schön. Sie war zu verführerisch. Sie hat mich zum Lügner, Betrüger, Verführer gemacht ... schuldig, nicht gesprochen zu haben, in Süße vergangen zu sein und sich auf eine Liebe versteift zu haben, die dem Augenschein nach gelungen war, flammend, aber leichtfertig von Anfang an.

So habe ich sie nicht bloß ermuntert, ihre Kräfte im Versuch zu vergeuden, das Unveränderliche zu verändern, ich habe sie auch dazu angeleitet, ihre eigene Kreativität zu ersticken, ihre eigene Künstlerseele. Denn wenn eine Umerziehung verweigert wird, führt dies jedesmal dazu, dass der schöpferische Geist des Anderen dadurch erstickt wird, dass er sich auf eine Didaktik richtet und aus dieser Didaktik nicht mehr herausfindet, anstatt sich frei zu entfalten.

Gut, die Schuld, die wir beide, die Theorie und meine Praxis der Verweigerung, vielleicht teilen, fällt zum größeren Teil mir zu. Ich bestehe darauf. Denn während ich weiterhin produktiv und kreativ gewesen bin, hat die Theorie, das Trugbild meiner Träume, mein Liebling, meine erste Liebe, das nicht auch erreicht. Aber sie war so schön damals ... Seit einer guten Weile habe ich die Freundschaft neu entdeckt, habe ich begonnen, die Arbeiten der Anderen zu lesen und sie zu betrachten, ohne ihnen böse Absichten zu unterstellen, mich an ihrem Erfolg zu freuen und an der Schönheit ihrer Irrtümer ...

Aber ich bin allein.

Warum habe ich nicht von Anfang an der Versuchung nachgegeben, eine Umerziehung zu erleiden, die vielleicht nicht einmal unangenehm gewesen wäre? Der Grund ist eine Angst, die aus den Eingeweiden kommt, die Furcht, meinen Schwung, meine Kräfte zu verlieren ... kurz, ein Freudsches Gefühl, leider.

Jetzt ist das Spiel zum Glück aus. Es ist zu spät zum Bereuen. Und ihr, Freundinnen und Freunde, seid jedenfalls frei, nicht noch einmal in meine, in unsere Irrtümer zu verfallen, in einer Zukunft, die meine, nein ... unsere Vergangenheit gewesen sein wird.

Danke.



VI




Betrachten wir die Ereignisse dieses 17. April 2011 gegen den Strich, dann stellen wir eine zunehmende Leichtigkeit fest, angefangen mit der Gedenkrede auf die Verräter bis zu den verschiedenen Stationen unseres Spaziergangs, der uns am Ufer des Wannsees entlang zur Pfaueninsel und zu dem Augenblick geführt hat, in dem uns, eben mit der Fähre übergesetzt, unser Freund Jens Lorenzen ein kollagiertes Gedicht vortrug, über den Verrat natürlich.

Etwas weiter weg, mitten im Park und mit Blick auf eines der falschen Schlösser, die hier und da auf der Insel verstreut sind, las uns Benoît Gréan einen Teil seiner Kleinen attischern Suite (kürzlich erst bei hochroth erschienen), während die Sonne strahlte und es überhaupt und ganz und gar so schön war, wie nur der Fruühling es sein kann. Der Spaziergang war nicht übertrieben lang, wenigstens der auf der Insel, und endete vor dem aus Papiermaché oder ganz weißgestrichenem Holz gebauten und ganz märchenhaften Schloss, das zugleich den See und das Mittelmeer, sagen wir, auf der Höhe von Otranto betrachtet. Vor seinem falschen Torweg hielt Daniel Podmirseg, ein im Wortsinn revolutionärer Architekt, seine Rede über die vergangene Zukunft der modernen Architektur, sehr zufrieden, man glaubt es gern, dort zu sein, auf dieser völlig preussischen Insel, die ganz unwahrscheinlich ist wieder Pfau, den wir eine lange Weile hingerissen betrachteten, ehe wir ans andere Ufer zurückkehrten, um dort an einem Kaffeetisch im Freien eine bescheidene Pause zu machen.

Gegen zwei Uhr machten wir uns auf zum Heckeshorn, mit einem Halt auf halber Strecke, um uns einen Auszug aus dem Roman Satanstango von Làszlò Krasznahorkai anzuhören, dem bedeutenden ungarischen Schriftsteller, dessen Ruhm zu verbreiten uns angelegen ist, in der Hoffnung, dass auch er eines Tages zu uns gehören wird.

Das Ende, also der Anfang unseres Spaziergangs spielte sich zu Füßen des Löwen von Idstedt, dass heißt unter seinem majestätischen Schwanze ab, wo die folgende REDE ÜBER DEN VERRAT gehalten wurde:


Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

wir sind hier versammelt, um, ehe wir poetisch und frei zu dem Spaziergang aufbrechen, den wir schon unternommen haben, den Verrätern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das ist das Paradox des Maximalismus, der aus der Zukunft kommt, noch ganz ernst um diese Stunde, um sich mit uns zu freuen, später dann, die wir uns zuvor schon an ihm erfreut haben, der stummer Teilnehmer unserer Anstrengungen und unserer Niederlagen ist.

Ich sage, dass der Maximalismus um diese Stunde noch ernst ist. Warum? Ihr wisst es genau: wenn wir uns hier versammeln, dann um der Uneinigkeit unseren Dank abzustatten, den Desertionen, den Akten des Verrats, die sich in der Vergangenheit, in der wir leben werden, haben ereignen können, die in der Zukunft schon vorgekommen sind, die wir gemeinsam erlebt haben. Unter dem Bogen seines Daseins hat stets der Verrat in gesunder und wirksamer Weise zur Entstehung des zerbrechlichen, paradoxalen und futuristischen Gebäudes beigetragen, das diese Bewegung nach rückwärts ist, dieser Sprung aus der Zukunft in die Vergangenheit, den der Maximalismus vollführt, dessen Tränen Freudentränen sind, und dessen Lachen bitter ist.

Mich selber schließe ich von den Vorwürfen gar nicht aus, die man den Verbreitern von Zwietracht, den Deserteuren, den Verrätern machen kann: all das war ich nach und nach auch, gegenüber dem einen oder andern von Euch, und wenn ich darauf auch nicht näher eingehen will, so kann ich es doch nicht abstreiten: in mehr oder minder großem Maße erscheint jeder manchmal als Urheber eines Verrats gegenüber dem Andern; im schlimmsten Fall bringt der eine sich um und verrät dadurch jede mögliche Beziehung mit dem Andern, während der andere sich fragt, inwiefern der Selbstmord eine Reaktion auf das war, was er gesagt oder getan oder einfach versäumt hat zu sagen und zu tun: das ist geschehen, es ist irreversibel, aber den Selbstmörder zu ehren ist notwendig. Ich sage dies, weil der Freund Stefan Hameseder, der am letzten Treffen mit dem Maximalismus teilgenommen hat, dem Leichenschmaus in Wien, der schon neun Monate her ist, sich vor einem Monat umgebracht hat, was mich ohne Worte lässt, in dem Sinn, dass ich nicht weiß, wie ich auf seine Tat antworten soll, denn er hört mir nicht mehr zu.

Dieses Beispiel dient uns wenigstens dazu, eine Sache zu begreifen: der Verrat kann Feindschaften erzeugen, aber der Verräter ist in sich kein Feind, der Selbstmord als höchster Verrat zerstört sogar jede Möglichkeit Feinde zu sein. Wer diesen Akt des Verrats begeht, wer überhaupt einen Verrat begeht, mag fehlendes Vertrauen gezeigt haben, sich selbst oder dem Anderen gegenüber, einen Mangel an Standhaftigkeit, gut; aber war er nicht jedesmal gerechtfertigt durch die Schwäche unserer Mittel, durch das Schwanken des Gebäudes, zu dessen Entstehen wir mehr durch unser Lachen als mit Zement beitragen?

Nein, wir müssen anerkennen, dass jeder Akt des Verats uns dient, weil es sich jedes Mal um einen Ordnungsruf handelt, um eine Einladung, unsere Kräfte zu bündeln, statt sie zu verschwenden, reicher zu werden, indem wir uns amüsieren. Unsere Aufgabe ist tatsächlich ein großes Divertimento im ursprünglichen Begriffssinn, sie ist also die ernsteste Sache auf der Welt.

Lasst mich dies nochmals betonen: unsere Verräter sind nicht unsere Feinde. Jeder Verrat hat seine Gründe, während der Feind keinen Grund hat. Da liegt der Unterschied. Wenn ihr Feinde sucht, geht sie dort drüben suchen, in dem Haus nebenan, wo ihre Schatten noch umgehen, der Schatten von Bürokraten, die den Tod von sechs Millionen Juden beschlossen, in diesem Haus der Wannseekonferenz, das wir nicht übersehen können, so nah wie es am Denkmal des Maximalismus steht, an dem wir unsere Verräterfreunde ehren wollen, die uns fehlen oder die sich vielleicht unter uns befinden, die uns drängen, diese Fatamorgana Wirklichkeit werden zu lassen, die immerhin die ganz solide Gestalt eines Löwens angenommen hat, der auf einem Sockel sitzt, ein geklonter, verdoppelter Löwe, der in der Lage ist, an zwei Orten zugleich zu erscheinen.

Betrachten wir ihn, die Majestät seines besonnten Schwanzes, die Ruhe seines verborgenen Gesichts: wer würde daran zweifeln, dass dieses Symbol eben die Bewegung verkörpert, die uns am Herzen liegt? Das Palimpsest dieser Inschrift, die heute fast unleserlich geworden ist, erlaubt euch noch zu lesen, dass dieses Denkmal bis 1864 überdauern wird, dem Jahr, in dem unser Löwe von seinem ursprünglichen Platz in Flensburg verschwinden wird, während des schändlichen Krieges, in dem Dänemark sich den Mächten Österreich und Preussen gegenüber sah. Weit entfernt davon, ein Denkmal für die Ewigkeit zu sein, wird dieser vollkommen dänische Löwe immerhin vom 9. September 2011 bis 1864 seinen Dienst getan haben, von keinem bemerkt, für die Zeit von 146 denkwürdigen Jahren. Anzumerken ist, dass der Maximalismus mit dieser zeitliche Begrenzung, dieser Monumentalisierung mit Verfallsdatum beispielhaft ist; darüber hinaus deckt sie die ganze Periode ab, in der er dem Nationalismus begegnet, den er schrecklich findet, international wie er sein will, mit einer ganz löwenhaften Verachtung.

Legen wir nun also diesen pneumatischen Kranz nieder, diesen Kranz, der unsere Freunde ehrt, die Verräter, die zum Fortschreiten des Maximalismus beigetragen haben, im vollen Sonnenlicht, unter dem majestätischen Schwanz des Löwen, der uns seinen Rücken nicht aus Misstrauen zuwendet, sondern weil er es ganz vernünftigerweise vorzieht, als große Katze, die er ist, sich ihn von der Sonne erwärmen zu lassen statt von ihr geblendet zu werden. Ich lege also den Kranz unter dem Schwanz des Löwen nieder und zähle dabei auf seine katzenhafte Neugier, die ihn vielleicht bewegen wird sich umzudrehen um nachzuschauen.

Allerdings muss gesagt werden, dass Neugier nicht Teil seiner majestätischen Rolle ist; er wird die Rede gehört haben; er wird sie nicht befriedigen müssen.


Den Verrätern also! Nieder mit den Feinden!

Ich danke Euch.

Zugleich mit den letzten Worten wurde der pneumatische Kranz auf dem Sockel des Löwen niedergelegt, wo er ganz selbstverständlich seinen Platz einnahm; man hatte den Eindruck, dass er nie eine andere Verwendung gefunden hatte. Was beweist, dass selbst ein Motorradgummischlauch darauf hoffen kann, eine unerwartete Rolle zu spielen.



V




DER STAUB MUSS WIEDER ZU DER ERDE KOMMEN WIE ER GEWESEN IST.
UND DER GEIST WIEDER ZU GOTT, DER IHN GEGEBEN HAT.
Pred. Salom. Cap. XII v. IX

SELIG SIND DIE TODTEN DIE IN DEM HERRN STERBEN.
SIE RUHEN VON IHRER ARBEIT, UND IHRE WERKE FOLGEN IHNEN NACH.
Offenb. Ioh. Cap. XIV v. XIII

Die beiden Bibelzitate, die wir hier voranstellen, begrüßen die Besucher der klassizistischen Kapelle auf dem Alten Friedhof in Flensburg, deren Mittelbau, der sich nach beiden Seiten öffnen lässt, an das Pantheon erinnert. Der Raum ist nicht groß, aber er nimmt ohne weiteres eine kleine Menschenmenge auf, die sich auf je zwei halbkreisförmigen Bankreihen niederlassen kann. In der Mitte bezeichnet ein großes Kreuz auf dem Boden den Ort, wo der Sarg aufgestellt gehört. Andere christliche Zeichen gibt es nicht. Tatsächlich wurde die Kapelle von Freimaurern entworfen, am Anfang des 19. Jahrhunderts.

Sehen wir uns die beiden Zitate näher an, dann kommen wir leicht darauf, dass sie in einem Geist dort angebracht worden sein dürften, der sich nach zweihundert Jahren seines rückwärtsgewandten Nachlebens noch an den Maximalismus erinnert hat! Jedenfalls haben wir diesen Eindruck gewonnen, was uns beruhigt hat, denn wer wünscht sich kein Nachleben der Dinge, die er tut und denkt, sei es auch gegen den Strich wie in unserem Fall?

Die Kapelle jedenfalls ist in einem Geist der Offenheit gebaut worden, den wir teilen, einem Geist, der nur diejenigen ausschließt, die um keinen Preis teilnehmen wollen, ohne dass dies von ihnen verlangt worden wäre.

Zu dieser Kapelle nun bewegte sich am 9. September 2011 nach Sonnenuntergang eine kleine Menschenmenge, angeführt vom Freund Jens Lorenzen, der sie mit dem Vortrag eines für diese Gelegenheit geschriebenen Gedichts im Saal des Museums von Flensburg versammelt hatte, in dem seine Gemälde um den Löwen von Idstedt ausgestellt waren, um hier einen nur von Leuchtern und den von den Hütern der Kapelle draußen aufgesteckten Fackeln erhellten Raum vorzufinden, dessen Türen zum Friedhof hin offen waren. Andere warteten schon auf sie.

Nach einer kurzen Erläuterung der Spielregel für alle, die sie noch nicht kannten, ließen die oben auf der Galerie versteckten Musiker das Stück Der Löwe ist los ertönen, das sich, für die Augsburger Puppenkiste geschrieben, hier für ein Streichertrio bearbeitet sah, das sich bei dieser Gelegenheit in ein Quartett verwandelt hatte. Anschließend lasen wir zu viert Auszüge aus

MINSK, SONNENSTADT DER TRÄUME

von Artur Klinau, dem weißrussischen Schriftsteller, den wir zu unseren Freunden zählen möchten: ein ausgezeichnetes Buch, das seine Jugend im monumentalen Dekor dieser stalinistischsten Stadt erzählt, die es jemals gegeben hat. Die Verbindung zu dem, was wir uns vornehmen, liegt offen zu Tage, aber es genügt vielleicht zu sagen, dass es unbedingt notwendig ist dieses Buch zu lesen, das von der Innigkeit erzählt, die das Erinnern an diese unmögliche Stadt im Geist desjenigen hervorruft, der in ihr aufgewachsen ist, um Künstler und Schriftsteller zu werden, ganz zu schweigen davon, dass er wirklich und in vollem Sinne ihr Bürger geworden ist.

Dann nahm uns die Musik, minimalistische Musik, wieder gefangen und befreite uns vom Gewicht der Worte, vor der abschließenden Rede zu Beginn, welche vor einem Gemälde unserer Freundin Ulrike Pisch gehalten wurde, das den Löwen von Idstedt am Wannsee in Berlin darstellt, das andere Exemplar des Löwen, der das Denkmal des Maximalismus gewesen sein wird, wie wir wissen, sein halbes Leben lang und ein gutes Stück über seinen Tod hinaus:


Liebe Freundinnen, liebe Freunde,
hier haben wir das Bild des Denkmals, von dem wir heute Abend Abschied nehmen werden, durch die Verhüllung des Bildes, das im Augenblick unseren Löwen aus Bronze oder aus Zink, vom Wannsee oder aus Flensburg ersetzt, der imaginär eher als wirklich ist.

Warum wird dieser Löwe sich der Biographie des Maximalismus eingeplanzt haben, von dem Augenblick an, der jetzt bevorsteht, in dem er verhüllt und zugleich enthüllt wird, je nach dem? Denn der Maximalismus, indem er rückwärts lebt, wird diesen Augenblick als den der Einweihung eines Denkmals erleben, das ihn um mehr als ein Jahrhundert überlebt haben wird, bis ins Jahr 1864, dem Jahr, in dem der Löwe in Flensburg wieder aufgetaucht sein wird ... sofern man geneigt ist, die dem Maximalismus eigene Sichtweise hinzunehmen, eine retrospektive Sicht, statt eine nationalistische Erzählung zu fingieren, die den Löwen mehr versteckt als zum Vorschein bringt.

Aber kehren wir zu der Grundfrage zurück: warum wird der Maximalismus ein Denkmal nötig gehabt haben?

Es wäre zu einfach zu antworten: warum nicht?

Denn verkörpert er nicht als rückwärtsgewandter Avatar all das, was uns an Gutem, Heilsamen, Unterhaltsamem von der Geschichte der Avantgarden und der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts im Allgemeinen erhalten bleibt? Liegt nicht darin der schlüssige Grund dafür, die Errichtung dieses Denkmals für eine Verirrung zu halten, für einen grundlegenden Irrtum, da dieses Denkmal alles in sich fasst, wogegen ein subversiver Geist sich richten kann, angefangen von seiner Grandeur, seiner Pose, seinem Material selbst, um nicht vom Sockel und von den gespenstischen Reden zu sprechen, die nach all den Jahren noch immer aus ihm hervordringen, um morgen durch neue Reden ersetzt zu werden? Damals waren es Reden nicht der Avantgarde, sondern aus dem Hauptquartier; morgen werden sie wahrscheinlich weder das eine noch das andere sein ...

Eine berechtigte Frage ... aber muss es ausdrücklich gesagt werden? Besteht der Ruhm der Avantgarden nicht in der Aneignung und der Verfremdung, ist der Grund ihrer Erfolge nicht eine Einkreisungsbewegung, die ihren Gegnern wegnahm, was sie als ihren wertvollsten Besitz betrachteten, nämlich die Größe, die Schönheit, den Geist? Gewiss war es so, und folglich wird sich nichts so natürlich dem Gebrauch durch den Maximalismus angeboten haben, der Ergebnis und Bodensatz aller Avantgarden ist, wie ein Denkmal dieser Größe, das Bild eines Löwen, eines Königs der Tiere, zu denen der Mensch und der Künstler auch gehört, das Bild also eines Königs der Künstler und der Menschen ebenso.

Fruchtbar wird diese Wahl gewesen sein, unvermeidlich, die des Löwen als Denkmal des Maximalismus während des ganzen Jahrhunderts der Avantgarden und zurück ins 19. Jahrhundert ... Schweigen wir von seinem Auftritt als Chewbacca, dem unsterblichen Gefährten des Han Solo, in George Lucas' Krieg der Sterne, erinnern Sie sich? Oder schweigen wir vielmehr nicht von diesem Schritt in eine vergangene Zukunft, zu deren ernsthafteren und bewegenderen Etappen Cocteaus La Belle et la Bête gehört hat. Erkennen wir in den Qualen des Untiers nicht die verborgene Seite unseres Löwen, all das, was unter seiner majestätischen Erscheinung verborgen liegt, die uns nicht täuschen kann?

Max Ernst wird uns die Apotheose dessen geliefert haben, dem sich George Lucas und Jean Cocteau zu nähern versuchten - Max Ernst, dessen Vorname nichts anderes als die liebevolle Abkürzung des Maximalismus ist und der einer Surrealisten war, die am häufigsten gelacht haben, also einer, dem es ganz ernst war, wie sein Name schon sagt - Max Ernst, indem er uns den Lion de Belfort gegeben hat, den Löwen von Belfort, dessen Vorbild wiederum ein Denkmal gegen Preußen war, der also mit Fug und Recht Lion d'Idstedt heißen könnte - Max Ernst veranschaulicht uns den Sinn einer solchen Aneignung und Verfremdung, ihren menschlichen Sinn und den Sinn für Humor, der immer damit verbunden ist.

Zweifeln Sie also nicht an unserer Vernunft, zweifeln Sie vor allem nicht an unserer Unvernunft, die dazu beigetragen haben, dass der Maximalismus auf halbem Weg seines verkehrten Daseins ein Denkmal nicht für die Ewigkeit erworben haben wird, sondern eines mit vorweggenommenem Verfallsdatum. Denn die Aneignung und Verfremdung dieses Denkmals ist zeitlich begrenzt, vielleicht weil die Zeit, unsere Zeit, es nicht zulässt, sie in unbestimmter Weise rückwärts ablaufen zu lassen, wer weiß?

Jedenfalls gibt es einen weiteren Grund. Denn kein Denkmal wird seinen Zweck in alle Ewigkeit erfüllen können, kein Denkmal wird seinen Sinn über die Jahrhunderte jemals unversehrt erhalten. Vor allem nicht eines, das sich in einer großen Katze verkörpert, die sich irgendwann wird lang ausstrecken, sich kratzen, kurz, sich wie das hinreißende und ungeheure Tier wird aufführen wollen, das sie eben ist.

Verhüllen wir also dieses Bild und hoffen wir, dass jetzt, in der Dunkelheit der Nacht, die sich mittlerweile herabgesenkt hat, unser Löwe die Chance nutzen wird, sich von seiner Denkmalspflicht auszuruhen und womöglich von seinem Sockel herabzusteigen, wer weiß ... wer würde sich davor fürchten?


Vor der Rede, also hinterher, wurde ein Wort unseres Freundes Jean Marois verlesen, das uns zur Ordnung ruft; hier ist es:

Kürzlich habe ich einen Satz gelesen, der mir ein kräftiges Gelächter abgerungen hat: "Gott hat gut daran getan, das Leben vor dem Tod anzuordnen." Tatsächlich verhält es sich so, denn die Zeit wäre uns sehr lang vorgekommen ... Wir verbringen unser Leben damit, uns ein immer phantastischeres Dasein als das andere vorzustellen, wir träumen von einem anderen Leben, um uns nicht selbst in dem zu begegnen, das wir führen. Ich bin nicht sehr geschickt im Umgang mit der Wirklichkeit. Meine Mutter hat mir nach ihrem tragischen Herzkreislaufzusammenbruch immerhin beigebracht, mich auf meinen eigenen Tod vorzubereiten. Den Tod zu lernen und sterben zu lernen sind Erfahrungen des Teilens, die ganz extrem sind. Wieviel Zeit ist mir von der Vorsehung zugeteilt, um mich von allen geistigen Giften zu befreien, die mein lächerliches Ego gespeist haben? Und wo beginnen?




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© Jens Lorenzen 2011